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Geleitwort

Dem mich ehrenden Auftrag, der vorliegenden wertvollen Schrift «50 Jahre Siedelungsgenossenschaft Freidorf» ein Geleitwort mit auf den Weg zu geben, entspreche ich aus zweifacher Überlegung gerne. Einmal erhalte ich dadurch willkommene Gelegenheit, öffentlich meinen aufrichtigen Dank dafür zu sagen, dass es mir vergönnt war, den grösseren Teil meines irdischen Daseins in der Freidorfgemeinschaft zu verbringen, als einer der Ursiedler die ganze Entwicklung der Siedelung mitzuerleben, viel Gutes und Liebes von meinen Freunden zu empfangen und mit allen Dorfbewohnern Freud und Leid zu erleben und zu tragen.

Sodann bin ich dankbar, zu einigen Problemen, die für uns alle im gegenwärtigen Zeitgeschehen brennender als je sind, einige Gedanken äussern zu können.

Unsere Siedelungsgenossenschaft Freidorf wurde als eine Art Vollgenossenschaft gegründet, eine Genossenschaft also, die versuchen will, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bedürfnisse zu wecken und zu befriedigen. Es wurden ihr Aufgaben gestellt, die sie zu lösen versuchen sollte. Unser Freidorf-«Vater» Bernhard Jaeggi formulierte diese Aufgaben immer und immer wieder bei den verschiedensten Anlässen. Wir wollen sie knapp zusammenfassen:

«Wir leben in einer Zeit, in der - wie vielleicht noch nie - die Frage ernstlich und mit Recht aufgeworfen wird, wie den Schwachen geholfen werden kann, den Schwachen aller Art, den wirtschaftlich Schwachen insbesondere. Alle möglichen Mittel werden versucht. Wir werden den Weg der Solidarität, der genossenschaftlichen Selbst- und Gemeinhilfe beschreiten. Die Menschheit wird umlernen müssen. Sie wird erkennen, dass die Solidarität und die wahre Selbsthilfe die moderne Betätigungsform der brüderlichen Liebe ist. Der Mensch soll wieder mit der Natur in Berührung gebracht werden. Die Konsumkraft unserer Mitglieder soll auf die genossenschaftlichen Betriebe konzentriert werden. Die Menschen sollen im Freidorf lernen, sich zu verstehen und miteinander auszukommen. Das Freidorf soll ein Anfang eines modernen Gemeinschaftsbetriebes sein und als Vorbild und Beispiel dienen, wie unsere Welt in kleinen Gruppen aufgebaut werden sollte. Jede Spekulation soll ausgeschlossen sein; darum werden die Häuser nur vermietet, aber auf Lebenszeit.

Die Organe der Siedelungsgenossenschaft sind die Generalversammlung, die Verwaltung und die Kontrollstelle. Der VSK übt die Aufsichtsrechte über die Genossenschaft aus. Die Siedelungsgenossenschaft soll nach kaufmännischen und soliden Grundsätzen verwaltet werden. … Es ist praktisch nicht möglich, dass einer im Freidorf billiger leben kann, als dies heute in einer Mietskaserne in der Stadt möglich ist; dagegen hat er ein Haus mit Garten für sich.»

Bernhard Jaeggi wollte bewusst die Siedler aus dem Gesellschaftsdenken hinausführen und sie in das Gemeinschaftsdenken und -handeln lenken.

Wie verstehen wir die «Gemeinschaft» und was unterscheidet sie von der «Gesellschaft»?

In freier Darstellung zitiere ich einige Gedanken aus F.Toennies' «Gemeinschaft und Gesellschaft»:

Alles vertraute, ausschliessliche Zusammenleben wird als Leben in Gemeinschaft verstanden. Gesellschaft ist die Öffentlichkeit, ist die Welt. In Gemeinschaft mit den Seinen befindet man sich von der Geburt an, mit allem Wohl und Wehe daran gebunden. Man geht in die Gesellschaft wie in die Fremde. Der junge Mensch wird gewarnt vor schlechter Gesellschaft, aber «schlechte Gemeinschaft» ist dem Sprachsinn zuwider. Die häusliche Gemeinschaft mit ihren unendlichen Wirkungen auf die menschliche Seele wird von jedem empfunden, der ihrer teilhaftig geworden ist. Wir erkennen die Ehegemeinschaft als vollkommene Gemeinschaft des Lebens, eine Gesellschaft des Lebens (Ehegesellschaft) widerspricht sich selber. Man leistet sich Gesellschaft - Gemeinschaft kann niemand dem andern leisten. Wir kennen religiöse Gemeinschaften, aber keine Handelsgemeinschaften. Gemeinschaften sind organisches Leben, Gesellschaften aber bloss mechanische Gebilde. Gemeinschaft ist miteinander und füreinander, Gesellschaft dagegen ist nebeneinander. Gemeinschaft ist alt, Gesellschaft ist neu, als Sache und Name.

Eine Gemeinschaft besteht aus Individuen. Sind es keine starken, ausgeprägten Individuen, wird aus den verbundenen Personen nie eine beseelte Gemeinschaft herauswachsen können.

Die Erziehung des Einzelnen muss zur Gemeinschaft (dem «Wir» und «Uns») hin tendieren und nicht zum extremen Egoismus (dem «Ich»), denn das «Wir» ist der «wahre Menschheitszustand »,sagte Pestalozzi.

Dieses Gemeinschaftsstreben nun war Bernhard Jaeggis letztes Ziel. Wie suchte er es zu erreichen ?

Er setzte bestimmte, gemeinschaftsbildende Akzente in die Siedelung. Er selbst war unermüdliches und begeisterndes Beispiel; er blieb es bis zu seinem Ende als treibende Kraft.

Das äussere Symbol des Gemeinschaftsgedankens, das Gemeinschaftszentrum, ist das Genossenschaftshaus mit dem Laden, der Schule, der Bibliothek, dem Restaurant und den Lehr- und Vortragssälen.

Architekt Hannes Meyer gibt die folgende Deutung: «Bald tönt vom Dache aus kupfernem Bauche das Glockenspiel zur Weihe, und im Herzen des Zellenbaues pulst das Leben der Gemeinschaft. Im Gemeindehaus sammelt sich die Hausgemeinde zur Unterweisung, zum Vortrag, zum Mahl und zum Kegelschub, und die Penaten ziehen ein ins Heiligtum der Genossenschaft: die Liebe, die Arbeit, die Freude.» Um das Interesse und die Teilnahme am Genossenschaftsleben zu wecken und zu fördern, setzte Bernhard Jaeggi als weiteren Akzent die sieben Kommissionen ein, die möglichst viele Siedler in irgendeiner Weise am Gemeinschaftsleben aktiv betätigen und das Verantwortungsgefühl für das Ganze stärken sollten. Von jedem der 150 Häuser war mindestens ein Bewohner in einer Kommission tätig, und zum Teil jahrzehntelange Mitarbeit der Siedler im kleinen Kreise half mit, langsam aber spürbar das zu entwickeln, was wir den Freidorfgeist nennen, das lebendige Gemeinschaftsgefühl, das die Siedlung durchpulst und das mithilft, das Wohnen im Freidorf zur Freude und Wohltat zu gestalten.

Diesen Freidorfgeist gilt es nun nach 50 Jahren auch in der Zukunft zu bewahren und weiter zu entwickeln. Doch es stellen sich gewisse Schwierigkeiten ein, die wir klar ins Auge fassen müssen.

Bernhard Jaeggi ist vor 25 Jahren gestorben, das Freidorf in schönster und hoffnungsvollster Entwicklung zurücklassend.

Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen, die wenig mehr vom Streben und Wirken des Gründers weiss. Die Erinnerung verblasst. Dazu kommt, dass ein neues Zeitalter aufgestiegen ist, das einschneidende Wandlungen in sozialwirtschaftlicher Beziehung gebracht hat. Das Grossraumproblem im Detailhandel beherrscht die Situation.

Davon wurde auch das Freidorf in starkem Masse berührt, denn unter der Herrschaft des neuen Zeitgeistes verschwanden mehrere gemeinschaftsbildende Akzente unserer Siedlung.

Die Neuorganisation des VSK in der Gütervermittlung führte zur Übergabe des Freidorfladens an den ACV, der beabsichtigt, für die Wohngebiete rings um das Freidorf herum in nächster Nähe der Siedlung einen «Supermarkt» zu errichten.

Auch das Restaurant im Genossenschaftshaus musste die Pforten schliessen infolge Ertragsmangel in den letzten Jahren, und in wenigen Jahren werden auch die Schulklassen aufgehoben, sobald das projektierte neue Schulgebäude der Gemeinde Muttenz errichtet ist.

Das Bedürfnis, im Freidorf eine Alterssiedlung zu errichten, stellt uns vor die Frage: Umbau des Genossenschaftshauses oder Neubau für die Alterssiedlung am nämlichen Platz?

Noch ist die Frage nicht entschieden, aber alle diese einschneidenden Umwälzungen lassen erkennen, dass für die Erhaltung und Entwicklung des Freidorfgeistes die Verwaltung und die Kommissionen eine immer grössere Verantwortung zu tragen haben. Das Pflichtenheft jeder Kommission sollte durchgangen und neu formuliert werden. Vielleicht könnten einige der Kommissionen aufgelöst, andere dagegen müssten erweitert werden.

Ich möchte mich nur mit den Aufgaben der Erziehungskommission befassen. Sie hat zu Beginn ihrer Tätigkeit vor 50 Jahren «Leitsätze und Erziehungsprinzipien» aufgestellt. Es wäre nicht unbegründet, diese Leitsätze wieder einmal zu durchgehen und die Frage zu prüfen: Was können wir heute noch daraus verwenden und hervorholen ?

Wichtig erscheint mir, dass sich die Erziehungskommission wieder mehr dem Schulkind nähert, da wir bald keine Schülerklassen mehr im Genossenschaftshaus haben werden. In Freizeitkreisen könnte viel Gutes und Wertvolles getan werden. Wie viel Freude könnte zum Beispiel mit Bastelarbeiten den Alten im Dorf bereitet werden. Aber auch für die verschiedenen Familienanlässe im Freidorf könnten die Schulkinder - neben Volkschor und Theatergruppe - durch Gesang und Gemeinschaftsspiele ihren willkommenen Beitrag leisten.

Auch mit der heranwachsenden Jugend sollten neue Kontakte gesucht werden durch Schaffung von Arbeitskreisen aller Art durch die Jugend selbst.

Und sollte es wirklich nicht mehr möglich sein - trotz Kino, Fernsehen und Dancing - die Erwachsenen für geistige Veranstaltungen aller Art zu interessieren, und zwar in Verbindung mit der kulturellen Abteilung des Genossenschaftlichen Seminars ? Solche Veranstaltungen erleichtern die Fühlungnahme untereinander und beleben das Für- und Miteinander.

Eine wichtige Aufgabe für den Frauenverein, Hand in Hand mit der Erziehungskommission, wäre ferner die freundliche Fürsorge für die Insassen der Alterssiedlung, damit die Alten so recht fühlen dürften, dass sie nach wie vor willkommene Glieder der Freidorfgemeinschaft sind.

Noch zahlreiche Aufgaben für jung und alt unserer Siedelung liessen sich aufzählen, die gemeinsam mit der Erziehungskommission zu lösen wären. Da stellt sich auch die Frage, ob die Bezeichnung «Erziehungskommission» noch richtig und zeitgemäss ist. Ich glaube, dass die Abänderung in «Bildungskreis» zu vermehrter geistiger Mitarbeit im Freidorf anspornen würde. Diese Mitarbeit möchte ich unter das nachfolgende Motto stellen, das der grosse Einstein geprägt hat: «Das wichtigste Motiv für die Arbeit in der Schule und im Leben ist die Freude an der Arbeit, die Freude an ihrem Ergebnis und die Erkenntnis ihres Wertes für die Gemeinschaft.»

So dürfen wir zuversichtlich hoffen, dass der Freidorfgeist, trotz aller Schwierigkeiten, die sich zeigen, nicht leidet, sondern sich weiterhin regt und entwickelt. Dann wird auch die Erinnerung an den Gründer unserer Siedlung lebendig bleiben. Er wird im Geist unter uns sein, und ich sehe und höre ihn mit seinem gütigen und feinen Lächeln freundlich fragen: «Was säit s’Volch?»

Freidorf, 30. April 1969
Dr. Henry Faucherre

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