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Die Baugeschichte

Im Frühjahr 1919 gab Bernhard Jaeggi der damaligen Verwaltungskommission des VSK die Absicht kund, auf dem Schänzligebiet bei Muttenz eine Landfläche im Ausmass von rund 85 000 m² zu erwerben, um darauf ein genossenschaftliches Dorf zu bauen.

Die Idee zur Gründung eines genossenschaftlichen Dorfes hatte ihm Dr. Karl Munding gegeben, ein frei schaffender genossenschaftlicher Forscher und Schriftsteller, der von Württemberg gekommen war, um Beziehungen mit der schweizerischen Genossenschaftsbewegung aufzunehmen; Bernhard Jaeggi zog ihn heran zur Mitarbeit in der Genossenschaftspresse. Dr. Munding sah in einer solchen Gründung die Möglichkeit, ein erzieherisches Werk aufzubauen nach den Grundsätzen, die Heinrich Pestalozzi in «Lienhard und Gertrud» entwickelte und wie sie von Heinrich Zschokke in seinem «Goldmacherdorf» dargestellt wurden. Dr. Rudolf Kündig, Präsident des VSK-Aufsichtsrates, brachte dieser Idee grosse Sympathie entgegen, und er schlug den Namen «Freidorf» vor.

Bernhard Jaeggi wusste aber auch, dass die Beschaffung gesunder und preiswerter Wohnungen damals (wie heute) eine soziale Notwendigkeit war; denn auch in Basel hatte mit zunehmender Industrialisierung das fast selbstverständlich gewesene Einfamilienhaus immer mehr den Miethäusern weichen müssen. Das Miethaus wurde zum Geschäft, der Liegenschaftenhandel zum berufsmässigen Erwerbszweig; es entstand die Boden-, Bau- und Häuserspekulation und damit die Steigerung der Hauszinse. In den Stadtquartieren waren die Wohnungen manchmal eng, lichtarm, sogar feucht. Je ärmer und kinderreicher die Familie war, desto schlechtere Wohnungen musste sie beziehen, desto teurer kam sie das Wohnen.

Diese Wohnungsnot führte zur Gründung von Wohngenossenschaften. Über deren Entstehen ist in «25 Jahre Siedelungsgenossenschaft Freidorf» auf Seite 19 eine interessante Aufstellung wiedergegeben. Eine dieser Neugründungen war die Siedelungsgenossenschaft Freidorf, die für die Stadt Basel eine wesentliche Entlastung bedeutete. Dieses Freidorf machte aber vor allem deshalb von sich reden, weil es die Idee des genossenschaftlichen Wohnens umfassend darstellte; es zeigt das Gepräge seines von erzieherischen Idealen erfüllten Gründers.

«Wir leben in einer Zeit», so erklärte Bernhard Jaeggi, «in der, wie vielleicht noch nie, die Frage ernstlich und mit Recht aufgeworfen wird, wie den Schwachen geholfen werden kann, den Schwachen aller Art, den wirtschaftlich Schwachen insbesondere. Alle möglichen Mittel werden versucht. Wir werden den Weg der Solidarität, der genossenschaftlichen Selbst- und Gemeinhilfe beschreiten. Die Menschheit wird umlernen müssen; sie wird erkennen, dass die Solidarität und die wahre Selbsthilfe die moderne Betätigungsform der brüderlichen Liebe ist.»

Mit Absicht werden im folgenden immer die Daten genannt, und wenn wir diese Datenfolge beachten, dann wird offenbar, dass da eine mächtige Triebkraft am Werk war, und das war Bernhard Jaeggi. An allen Sitzungen und Beratungen war er zugegen, und zwischen den Sitzungen und Beratungen erkundigte, schlichtete, erledigte, plante, durchdachte dieser Mann unermüdlich. Nichts war ihm Nebensache. Um alles und um alle war er besorgt.

11. Mai 1919 Erste Zusammenkunft für die Vorbesprechung des Freidorfprojektes. Bernhard Jaeggi, der damalige Präsident der Verwaltungskommission des VSK, eröffnete dem am Freidorf interessierten Personal seine Gedanken über das genossenschaftliche Wohnen, das ihm vorschwebte:

«Der Mensch soll wieder mit der Natur in Berührung gebracht werden. Die Konsumkraft der Mitglieder soll auf die genossenschaftlichen Betriebe konzentriert werden. Die Menschen sollen im Freidorf lernen, sich zu verstehen und miteinander auszukommen. Das Freidorf soll ein Anfang eines modernen Gemeinschaftsbetriebes sein und als Vorbild und Beispiel dienen, wie unsere Welt in kleinen Gruppen aufgebaut werden sollte. Jede Spekulation soll ausgeschlossen sein; darum werden die Häuser nur vermietet, aber auf Lebenszeit. Die Organe der Siedelungsgenossenschaft sind die Generalversammlung, der Verwaltungsrat (heute Verwaltung) und die Rechnungsprüfungskommission (heute Kontrollstelle). Der VSK übt die Aufsichtsrechte über die Genossenschaft aus. Die Siedelungsgenossenschaft soll nach kaufmännischen und soliden Grundsätzen verwaltet werden.» Unter anderem sagte Bernhard Jaeggi auch: «Es ist praktisch nicht möglich, dass einer im Freidorf billiger wohnen kann, als dies heute in einer Mietskaserne in der Stadt möglich ist; demgegenüber hat er ein Haus mit Garten für sich.»

Es bestanden zwei Baupläne: einer von Architekt Hans Bernoulli und derjenige von Hannes Meyer, damals kaum 30jährig. Ihm übertrug die zukünftige Siedlerschaft die definitive Planung und die Erstellung des Freidorfs. Er baute auch das Genossenschaftshaus und erstellte 1937 die Baupläne für das schöne Kinderheim in Mümliswil, eine Stiftung des Ehepaares Dr. Bernhard und Pauline Jaeggi-Büttiker. Hannes Meyer nahm an sämtlichen Sitzungen des Verwaltungsrates und an allen Generalversammlungen teil und bewohnte als Mitglied der Siedelungsgenossenschaft mit seiner Familie bis Frühjahr 1926 das Haus 142; er zog dann ins Ausland, wo ihn neue Aufgaben riefen. Am 18.Juli 1954 ist Hannes Meyer in Lugano gestorben.

12. Mai 1919 Besprechung mit Regierungsmitgliedern von Basel-Stadt und Baselland, Strassenbahndirektion, Architekten usw.

18. Mai 1919 Besprechung mit dem interessierten Personal. Diesmal wurden schon die Statuten dargelegt, und Hannes Meyer erklärte seine Pläne.

20.Mai 1919 Abends um 5.20 Uhr: Konstituierende Generalversammlung, an der nur diejenigen stimmberechtigt waren, die bis zu diesem Tag ihre Beitrittserklärung abgegeben hatten. Um 18.50 Uhr setzten sich Bernhard Jaeggi und die Mitglieder des neugewählten Verwaltungsrates erstmals um den Tisch. Es waren dies Nationalrat Johann Frei (Präsident), Redaktor im VSK; Ulrich Meyer (Vizepräsident), Redaktor im VSK; Dr. Eberhard Vischer (Sekretär) sowie Carl Doswald (Kassier). Der letzte Name verschwand bald wieder aus den Akten; aber die drei ersten blieben bis zu ihrem Tode überzeugte, verlässliche und einsatzfreudige Freunde und Mitarbeiter.

23. Mai 1919 Zweite Sitzung des Verwaltungsrates. Die Kanalisation und die Kleintierhaltung gaben viel zu überlegen, und schon brachte das zukünftige Restaurant Probleme (mit oder ohne Alkohol?); auf jeden Fall wolle man keine Wirtschaft, die in alle Nacht hinein geöffnet sei!

4. Juni 1919 Fertigung der Liegenschaftskäufe vor dem Gemeinderat Muttenz. Das erworbene Land misst insgesamt 84736 m²; der Durchschnittspreis je Quadratmeter betrug Fr. 2.70!

8. Juli 1919 Nach einer vorausgegangenen Besprechung mit dem Verwaltungsrat berief Bernhard Jaeggi eine Konferenz von Fachleuten ins Verwaltungsgebäude des VSK. Unter den anwesenden Architekten finden wir Walther Faucherre. Auch der Direktor des Kunstgewerbemuseums Zürich sowie ein Kantonsphysikus waren eingeladen. Die Diskussion betraf den Bauplan, die Frage Gas oder Elektrizität, Kanalisation, Warmwasserspeicherung, Waschküche, WC, Kleintierhaltung usw. Anschliessend sass der Verwaltungsrat zusammen. Die Konferenz hatte zur Folge, dass die Waschküche um 4 m² vergrössert und im Badezimmer eine Toilette vorgesehen wurde. Die Installation von zwei WCs in den kleinen Haustypen erwies sich als unmöglich. Die Art der Bodenbeläge wurde bestimmt, und in der Frage des Energiebezugs entschloss man sich für Elektrizität.

11.Juli 1919 Hannes Meyer legte schon einen neuen Lageplan vor mit geraden Strassen und mit Baumalleen; dieses neue Projekt konnte auch mit weniger Kosten ausgeführt werden.

19.-21. Juli 1919 Jedes Siedlungsmitglied durfte bei Bernhard Jaeggi «sein» Haus auswählen, und - o Wunder - jedem konnte ein seinem Wunsche entsprechendes Haus zugeteilt werden!

27.Juli 1919 Zweite Generalversammlung; daran anschliessend und wiederum am 8. August besprach der Verwaltungsrat den Lageplan. Er beschloss die Errichtung der Kantine für die Bauarbeiter. Diese Kantine konnte später als Lagerschuppen (dessen Monate jetzt gezählt sind) verwendet werden. Die Genossenschaft Elektra Birseck lieferte die Elektrizität und stellte den Transformator zur Verfügung; die Energieverteilung in der Siedlung wurde von der Genossenschaft selbst durchgeführt. In Elektroingenieur Friedrich Mattmüller hatte sich die Siedlung den Fachmann gesichert.

13. September 1919 Baueingabe. Auf das Baubegehren wurden drei Einsprachen erhoben, die aber alle berücksichtigt werden konnten. 14 Tage später hielt Bernhard Jaeggi die Baubewilligung in Händen. Jetzt konnte es losgehen!

Am 1. Dezember 1919 stach der erste Pickel in die Freidorferde. 3½ km von der Stadtmitte entfernt, auf 20 m hoher Geländeterrasse von rund 85000 m² erstanden 150 Häuser mit 62,6% Grünfläche.

«Auf weiter, waldumsäumter Ebene wird dieses Freidorf von der gesunden, frischen Luft umspielt; es wächst in der Frühlingsluft», so jubelten die zukünftigen Siedler. Der Architekt schrieb: «Ringsum ein Hügelkranz: Wartenberg, Winterhalde, Rütihard und Bruderholz, dahinter der Blauen, gegen Nordosten, rebenbespickt, die Kalkfelsen des Hörnli und als Schlechtwetterzeichen im Westen die Vogesen. Nirgends ist der Ausblick verrammelt. Die Strassenausgänge weisen alle wie Fenster auf die welligbewegte Landschaft des Juras oder des Schwarzwaldes. In den Querwegen pulsiert das Leben zwischen Schule, Laden, Wirtschaft und Haushalt und Familie. Wo alle Querwege münden, liegt mit Denkstein und Brunnen, mit Linden und Sitzbänken die Spielwiese als vergrössertes Spielzimmer der Kinder.»

Das war damals. Das mit den Querwegen und dem vergrösserten Spielzimmer stimmt immer noch, aber die Ausblicke aus den Strassen-«fenstern» sind heute anders. 1949 erstand auf der gegenüberliegenden Seite der St.Jakobstrasse die Siedlung «Auf der Schanz», 1950 wurde das Gebiet «Donnerbaum» überbaut. 1951 bildete sich die Bau- und Wohngenossenschaft «Schweizerau» (um den Bau von dreigeschossigen Wohnhäusern zu verhüten), 1958 gesellte sich das Gebiet «Feldreben» dazu und als «Höhepunkt» in den letzten Jahren die Hochhäuser «im Stegacker».

Wenden wir uns wieder dem Freidorfbau zu: An der dritten Generalversammlung vom 23. November 1919 konnte gemeldet werden, dass die Bauarbeiten in vollem Gang seien. Der schweizerische Baumarkt war damals einem so grossen Bedarf einheitlicher Stoffe noch nicht gewachsen: Ziegel, Parkett, Badewannen, Linoleum, Ofenkacheln usw. in so grossen Mengen einheitlich zu beschaffen, war schwierig. 230 Firmen waren beteiligt. Die Baukantine wurde an Josef Feigenwinter, den «Schänzli»-Wirt, verpachtet.

In der Verwaltungsratssitzung vom 21. Dezember 1919 erfuhr man, quasi als Weihnachtsgeschenk, dass die Überlandbahn Basel-Liestal (sic!) Fortschritte mache; bis Muttenz lagen bereits Pläne vor.

Am 17. Januar 1920 wurde für alle Siedler das Abonnement auf das «Genossenschaftliche Volksblatt» beschlossen. Die Verwaltung beauftragte Ulrich Meyer, die der Siedlung zustehende Lokalseite zu redigieren; er besorgte dies in mustergültiger Weise bis kurz vor seinem Tode. Die Schulkinder verteilten das «Wochenblättli» von Anbeginn bis zur Aufgabe des Ladens.

Die vierte Generalversammlung vom 8. Februar 1920 wurde bereits von einer aus Mitgliederkreisen zusammengestellten «Musikgesellschaft» (Initiant Hans Handschin) verschönt. Ein Vortrag von Dr. Karl Munding orientierte die Mitglieder über den Zusammenhang der Reformideen in den verschiedenen Ländern und den Anteil unseres Landes durch Pestalozzi, Fellenberg, Zschokke usw. Die Generalversammlungen seien so gut besucht, berichtete der Redaktor, dass es kaum eine Genossenschaft des VSK geben werde, die prozentual so hohe Präsenzzahlen aufweise!

In der Verwaltungsratssitzung vom 26. Februar 1920 musste gerügt werden, dass die Eltern ihre Kinder auf den Baugerüsten und in den Bauten herumspringen lassen. (Würden diese damaligen Kinder heute auch noch auf Gerüstlatten herumrennen ?)

Am 5. März 1920 - die Häuser waren noch längst nicht bezugsbereit - meldete das Orchester Freidorf dem Verwaltungsrat, dass es sich am 18.Februar konstituiert und die Arbeit aufgenommen habe. Präsident: Hans Handschin; Dirigent: Ernst Schwarb.

Am 16. März 1920 sprach Bernhard Jaeggi zum erstenmal über die Wünschbarkeit von Kommissionen zur Aufrechterhaltung der Ordnung, zur Belebung des Siedlungsgedankens und zur Heranziehung möglichst vieler Mitglieder zur Mitarbeit. Er schlug sieben Kommissionen vor, die am 6.Juli 1920 eingesetzt wurden (in Klammern Vorsitzende und Stellverteter): Baukommission (Hannes Meyer, Rudolf Musfeld); Erziehungskommission (Dr. Henry Faucherre, Dr. Karl Munding); Betriebskommission (Ernst Sutter, Franz Heim, Wilhelm Denzer); Finanzkommission (Ernst Lienhardt, Karl Küntzel); Unterhaltungskommission (Lehrer Heinrich Beglinger, Hermann Thurow, Friedrich Mattmüller); Sicherheitskommission (Paul Ernst,Josef Rüegg); Gesundheitskommission (Dr.Jakob Pritzker, Hans Meier-Edinger).

In der Verwaltungsratssitzung vom 27. April 1920 wurde klar, dass das Freidorf weder vom Kanton noch vom Bund Subventionen zu erwarten hatte. Die Finanzierung des Freidorfs geschah folgendermassen: In den Kriegsjahren 1914-1918 wurden vom VSK gewaltige Engagements zur Beschaffung von Waren aus dem Ausland eingegangen. Da man nicht wusste, ob dabei Verluste eintreten würden, wurden stille Reserven angelegt. Schon bei der Anlage wurde von Bernhard Jaeggi empfohlen, dieses Geld, falls es nicht zur Deckung von Verlusten erfordert werde, nicht im gewöhnlichen Betrieb zu verwenden, sondern eine Stiftung zu einem noch zu bestimmenden Zweck zu gründen. Diese stillen Reserven erreichten den Betrag von 7½ Millionen Franken. Infolge Einführung der Kriegsgewinnsteuer wurde auch der VSK verpflichtet, seine während des Krieges angelegten Reserven anzugeben. Nach langen Verhandlungen mit der Eidgenössischen Steuerverwaltung wurde dem VSK die Befreiung von der Kriegsgewinnsteuer zugesagt, soweit das Geld à fonds perdu für den Bau einer Siedlung verwendet werde.

Inzwischen waren die Baukosten gestiegen. Vom VSK konnten unter keinen Umständen mehr als diese 7½ Millionen Franken gegeben werden. Es mussten also Einsparungen beschlossen werden. Anstelle von elektrischen Herden wurden Rechauds vorgesehen, Terrazzo- statt Plättliböden, kleinere Lavabos in den Badezimmern, Zinkwannen statt emaillierte, und auch am Dorfbrunnen musste gespart werden: statt 50 000 kostete er 12 000 Franken.

Welcher Einsatz und was für ein grosses Mass von Verantwortungsgefühl spricht aus allen weiteren Verwaltungsratsprotokollen! Mindestens alle 14 Tage, manchmal jede Woche, ja sogar an Sonntagvormittagen wurden Sitzungen abgehalten. Immer wieder gab es Sorgen wegen Streiks, steigenden Baukosten und unerfüllbaren Siedlerwünschen. Die Baumbepflanzung wurde beschlossen, Strassennamen oder nicht wurde erwogen. Die Erlangung der Salzverkaufsbewilligung der basellandschaftlichen Regierung gab ebenfalls zu schaffen.

Unbeschwert von allen diesen Sorgen des Verwaltungsrates pilgerten die zukünftigen Siedler Sonntag für Sonntag und manchmal auch an schönen Abenden mit ihren Kindern nach dem Freidorf. Von der Endstation «St.Jakob» bis hinauf zu den Bauplätzen plauderten sie über ihre Wohn- und Gartenpläne. Man schwärmte vom grossen Badezimmer mit dem 200-Liter-Boiler-Dinge, die damals modernster Komfort waren! Die Naturschwärmer freuten sich auf ihren Garten und ihren Sitzplatz im Freien. Das letztere dürfte auch noch für heutige Neusiedler ein Freude bereitendes Neues sein. Nach Begutachtung «seines» Hauses traf man sich in der Baukantine zum gemütlichen Hock (oder zur Kritik!). Damals also, lange vor dem Einzug, gründeten sich die Freundschaften und Kameradschaften und Interessengemeinschaften, die dann in den ersten Jahren den Kitt gaben, damit eine Gemeinschaft, eine Siedlerschaft entstehen konnte. Und das mochte es sein, was in später Zuziehenden das Gefühl des Abseitsstehens aufkommen liess. Das wird überall so anmuten, wo ein Zusammenhalt, ein Zueinandergehören da ist. Diese «Neuen», wenn sie sich ihrerseits nicht abkapseln, werden aber sehr bald merken, dass uns neue Siedler sehr willkommen sind und dass sich jedermann freut, wenn sie sich da oder dort anschliessen; am leichtesten geht das über die Nachbarschaft.

Bald einmal konnten im Haus 81, dem «Musterhaus», die inneren Schreinerarbeiten (unsere ach so praktischen Wandschränke!), die Terrazzoböden und die Mustertreppe besichtigt werden. Anlässlich der Generalversammlung vom 3. Oktober 1920 lagen für eine grosse Zahl Siedler die Hausschlüssel bereit, «die mit Schmunzeln entgegengenommen wurden», berichtete der Redaktor. Die Siedler erhielten auch einen Grundriss der Liegenschaft, damit sie sich die Einteilung des Gartens überlegen konnten.

Im Herbst 1920, als der Bau zu Ende ging, wurde auf der einen Seite der Kantine ein Ladenlokal, auf der andern Seite ein Schulzimmer errichtet. Für den Laden war «eigenes Geld» aus Aluminium geprägt worden; dessen Entwurf stammte von Hannes Meyer. Der Pachtvertrag mit Josef Feigenwinter wurde aufgehoben; der Laden übernahm auch den Verkauf von Wein und Bier.

Auf den 1. Oktober 1920 konnten die Siedler ihre bisherigen Wohnungen künden unter dem Vorbehalt, dass diese erst geräumt werden, wenn das zugeteilte Haus im Freidorf bezugsbereit sei. Schon meldeten sich Wohnungssuchende, um dort einzuziehen, wo ein Hausmeister die zukünftigen Freidörfler nicht auf den gewünschten Tag ausziehen lassen wollte!

Jetzt bekam die Betriebskommission alle Hände voll zu tun! Als Ladenleiterin wurde Frau Lina Haller aus Zofingen angestellt. Da sie erst auf Neujahr beginnen konnte, half Frau Martha Mösch aus; sie hat übrigens auch später dem Laden als Leiterin gedient. Holz, Kohlen, Obst, Kartoffeln wurden bestellt für Lieferung beim Einzug. Beim ACV und bei Bell konnte am Vorabend das Fleisch bestellt werden. Mit dem ACV wurde ein Brotlieferungsvertrag abgeschlossen. Die Milchgenossenschaft Muttenz lieferte den Siedlern die Milch vorläufig ins Haus, später in den Laden, und am Sonntagmorgen lauerte man auf den Wegglibeck von Muttenz. Im Laden konnten bald Gemüsesämereien gekauft werden.

Neun Privattelephonanschlüsse wurden gewünscht, aber der Kredit für eine Kabellegung nach Muttenz wurde von der Gemeinde nicht bewilligt, und es standen nur fünf Drähte zur Verfügung. So bekamen nur vier Siedler, die bereits über ein Telephon verfügten, direkte Leitungen. Für die übrigen fünf wurde eine Umschalterstation nötig. Mit der Zeit besserte es aber mit den Anschlüssen; im Herbst 1950 wurden die Leitungen in den Boden verlegt. Heute sind lediglich fünf Freidorfhäuser ohne Telephonapparat.

Schon im September erwirkte der Verwaltungsrat bei den Basler Transportanstalten Keller und Settelen Spezialabkommen für die Umzüge ins Freidorf; man konnte mit Konsumgeld bezahlen. Der Mietvertrag nebst Haus- und Gartenordnung sowie das Halten von Kleintieren wurde beraten. Dr. Karl Munding, dem Zschokkes «Goldmacherdorf» vorschwebte, sprach von der Gründung einer Hilfskasse (unsere heutige Wohlfahrtskasse).

Unmittelbar vor Fertigstellung der Häuser streikten die Elektriker. Die Handwerker stellten am 18. Oktober 1920 ihre Arbeit ein, weil dem Sekretär der Bauarbeitergewerkschaft das Betreten des Bauareals von der Polizeidirektion Liestal verweigert wurde. Der Präsident musste intervenieren. Im Dezember streikten auch noch die Maler.

Endlich war der grosse Tag da: Am 15. Oktober 1920 konnte der erste Siedler, Alfred Fink, ins Musterhaus 81 einziehen! (Die Liste der Reihenfolge des Einzugs findet sich im Anhang, Seite 58.)

In der 50. Sitzung des Verwaltungsrates am 12. Mai 1921 beantragte Bernhard Jaeggi die Erstellung eines Gedenksteins beim Eingang des Spielplatzes, durch welchen der Mit- und Nachwelt kundgetan werde, wem die Finanzierung des Freidorfs zu verdanken sei. Mit Bezug auf die Inschrift sagte Bernhard Jaeggi: «Wir sind eine Gemeinschaft, wo die guten und die schlechten Eigenschaften jedes Siedlers auf die Gesamtheit zurückwirken. Je besser jeder seine Pflicht erfüllt und auf den andern Rücksicht nimmt, desto angenehmer wird es sich im Freidorf leben lassen.»

Der Redaktor des Wochenblattes mahnte, die Natur und die Freidorfwege nicht zu verschandeln mit Papierfetzen, Orangenschalen, Apfelbutzen (wie vertraut!). «Der Genuss der Natur ist der einzig reelle, den der Mensch aus dem verlorenen Paradies hinübergerettet hat in das Tal der Tränen», schrieb er.

Die Einweihung des Gedenksteins fand am 24. August 1921 nachmittags auf der Spielwiese statt. Diejenigen, die sie miterlebt haben, werden sich heute noch freuen über dieses Fest. Die Reden sind im Buch «25 Jahre Siedelungsgenossenschaft Freidorf» wiedergegeben, Mit dem Rest der gesammelten Gelder, Fr. 302.50, wurde der Fonds für Jahresfeiern geschaffen. (So sind die «Kässeli» entstanden.)

Nachdem schon die meisten Siedler eingezogen wa­ren, wurde am 21. Januar 1921 die Überlandbahn St. Jakob-Muttenz eingeweiht. Bei der Birsbrücke hielten die Regierungsleute Reden, und an der Tramhaltestelle «Freidorf» sangen die Schulkinder. Die Tramverwaltung setzte sogar morgens, mittags und abends direkte Wagen Freidorf-Thiersteinerallee ein!

Am 1. Mai 1921 wurde der Kantinenbetrieb ein­gestellt; die Bauarbeiter hatten das Freidorf verlassen. Auf Ende des Jahres 1921 wurde das bisherige Bau­konto abgeschlossen und auf das neue Liegenschaftskonto übertragen.

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