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Das Experiment beginnt

Die Häuser waren jetzt von Leben erfüllt; die Insti­tutionen für ein Miteinander und Füreinander waren geschaffen. Gelang es, in den Bewohnern dieses Dor­fes ein Gemeinschaftsbewusstsein zu wecken ?

Bernhard Jaeggi stellte den Siedlern gleich zu Beginn die folgenden Gewissensfragen, die ihnen als Richt­linien dienen sollten (und die aktuell bleiben werden, solange das Freidorf besteht):

Bernhard Jaeggi wusste: «Eine Organisation von Gleichgestellten, wie wir sie darstellen, kann nur so lange in Ordnung bleiben, als eine Mehrheit von Gutgesinnten vorhanden und wil­lens ist, für strikte Beobachtung der gemeinsam aufgestellten Pflichten zu sorgen.»

Das war die Hauptsorge: Gelang es, eine genossen­schaftliche Mustersiedlung zu schaffen, die als Bei­spiel dafür dienen konnte, dass sich die Konzentra­tion der Kaufkraft auf genossenschaftliche Betriebe lohne ? Und gelang es, 150 Familien friedlich mitein­ander und hilfsbereit füreinander leben zu lassen ? Es gelang - wenn auch Präsident und Verwaltungsrat hie und da etwas nachhelfen mussten.

Es lebte sich jedenfalls schön im Freidorf. Im März 1921 erblickte der erste «echte» Freidörfler im Haus 13 (Familie Haegele) das Licht des Freidorfs, und bald darauf kam im Haus 51 (Familie Kellerhals) der zweite «echte» an. Man feierte auch bald schon die erste Hochzeit: Adolf Amsler führte seine Lebens­gefährtin in sein schönes Siedlerhaus (145). Aber auch der staubige Alltag machte sich fühlbar: Den allzu schnell dahinfahrenden Autos (erst im Mai 1925 wur­den die Fahrwege asphaltiert) musste Einhalt geboten werden durch Anbringen einer 18-km-(ja!)Vorschriftstafel am Anfang und am Ende des Freidorfs. Gleichzeitig wurde das Velofahren auf den Prome­nadenwegen und in den Quer- und Düngerwegen endgültig verboten (zum erstenmal!).

Am 12. Dezember 1921 wurde der zuerst eingezogene Siedler Alfred Fink im Alter von kaum 30 Jahren als erster aus dem Freidorf hinausgetragen, und am Sil­vesterabend 1921 verschied Frau Marie Lei-Enz, nur 34½ Jahre alt. In der Nacht vom 25./26. Dezember 1922 wurde Alfred Bösiger im Alter von erst 24 Jah­ren von einem langen Krankenlager erlöst.

Bald schon appellierte Bernhard Jaeggi an die Mitglieder der Kommissionen:

«Wenn das Freidorf eine ideale Dorfgemeinschaft werden soll, wie sie in Zschokkes «Goldmacherdorf» und in Pestalozzis «Lienhard und Gertrud» vor Augen geführt wird, dann setzt das voraus die Anerkennung der Pflichten, die wir mit der Annahme der Statuten, der Haus- und Gartenordnung eingegangen sind. Einordnung in das, was dem Ganzen frommt, ist unerlässlich. Die Kommissionsmitglieder sollen die Pioniere sein, Vorbilder der Pflichterfüllung und des Verantwortungsgefühls. Freunde und Gegner warten auf unsere Resultate, die einen, um den Beweis zu erhalten, dass eine genossenschaftliche Gemeinschaft nicht möglich ist, die andern, um mit neuer Schaffens­lust und neuem Mut für die genossenschaftliche Wirtschaft zu arbeiten.»

Die erste Jahresfeier am 24. August 1922 auf der Spielwiese begann mit einem Umzug und endete mit Lampionumzug durch die Düngerwege und durch Häuser «und die Güggel, Hühner und Enten krähten, gackerten und schnatterten kräftig mit», schrieb der Redaktor.

Im Frühjahr 1923 wurde erstmals Hausinspektion ab­gehalten, und zum erstenmal liest man die Aufforde­rung des Verwaltungsrates, dass Änderungen im Haus im voraus mit allen Details der Verwaltung zu melden seien.

Auf den 30. Juni 1935 wurde zum erstenmal ein Mit­glied ausgeschlossen; am 22. Dezember 1953 erfolgte der zweite Ausschluss und im Januar 1961 der dritte.

Die 100. Sitzung des Verwaltungsrates fiel auf den 11. Mai 1923, den Tag also, an dem vor vier Jahren zum erstenmal das Projekt der Erstellung des Frei­dorfs erörtert wurde.

«Es ist noch viel zu tun», sagte Bernhard Jaeggi, «um die wahrhaft genossenschaftliche Gesinnung überall zu wecken, die nicht nur das eigene Ich wichtig nimmt, sondern das Gedeihen und Ansehen des Ganzen.»

Im Mai 1924 wurde die erste Bewilligung zur Errichtung einer Radioempfangsstation erteilt unter Vorbehalt der Beseitigung im Falle von Inkonvenienzen und in der Annahme, dass die vorgesehene Drahtverbindung mit einem gegenüberliegenden Haus nur mit Einwilligung des betreffenden Mitgliedes erfolge und nicht über einen offenen Platz führe.

In der Siedlerschaft selber regten sich immer wieder initiative Kräfte. Orchester und Volkschor waren bereits da. Letzterer singt an verschiedenen Freidorf­plätzen frühmorgens den Eidgenössischen Bettag ein.

Im Frühjahr 1921 wurde unter Leitung von Paul Ernst die Feuerlöschmannschaft gebildet. 17 Mann waren erforderlich, 22 meldeten sich. Am 6. August fand die erste Feuerwehrübung statt.

Im Dezember 1921 wurde der Verein für Kleintierzucht gegründet mit Präsident Charles Gasser. Dieser Verein veranstaltete nicht nur Ausstellungen und lebhafte Unterhaltung, sondern sorgte auch für Traktanden im Verwaltungsrat.

Im Frühjahr 1922 ersuchten die «Sporttreibenden Siedler» (später Athletiksportverein) um Überlassung eines Lokals mit Turngeräten. Im Herbst 1924, als das Genossenschaftshaus errichtet war, wurde der Männerturnverein gegründet, der bis in die letzten Jahre jeden Winter die Glieder in Schwung hielt (im Sommer tat das der Garten). Auch ein Tennisclub existierte einige Jahre. 1929 wurden Vorbereitungen für den Eislauf auf der Spielwiese gewünscht, aber es bestanden damals die gleichen Schwierigkeiten wie heute. Immerhin haben die Jungen 1963 selber eine prächtig beleuchtete Eisbahn erstellt und ausgiebig genossen, sogar mit Musikbegleitung. Als die Studienzirkel aufkamen, wurde auch im Freidorf ein solcher gegründet. Ebenso existierte ein Teleclub. Und ganz still, ohne Gründungsversammlung und Reglement, haben sich in den letzten Jahren die pen­sionierten Männer zusammengefunden. Jeden Mittwochnachmittag besammelt sich ein stattlicher Trupp im Schatten des Hauses 54, wohlgelaunt und marsch­tüchtig, zu einem Bummel, der dann Anlass gibt zu einem wohlverdienten Schoppen.

Die Frauen

Als Hauswirtschafterin werden sie von der Konsum­genossenschaft als wichtiges Glied der Genossen­schaft gewürdigt. In der Siedelungsgenossenschaft Freidorf wurde die Frau aber auch als Hausmutter, als Seele des Familienheims zum Mittun herangezogen. Dr. Karl Munding gründete die Gertudgruppe. Die Gedanken, die Pestalozzi in seinem Volksroman «Lienhard und Gertrud» niedergelegt hat, sollten in dieser Gruppe fruchtbar gemacht werden, und sie wurden es auch. Diese Frauengruppe blieb bestehen bis zum Tode von Dr. Munding im Jahr 1934.

Im September 1922 wurde die Frauenkommission gegründet, präsidiert von Frau Bertha Suter. Diese Gründung bedeutete vor allem für die Betriebskom­mission eine grosse Unterstützung. 1933, als innerhalb der Genossenschaftsbewegung der Konsumgenossenschaftliche Frauenbund der Schweiz (KFS) gegründet worden war, entstand aus der Frauenkom­mission die Sektion Freidorf des KFS unter dem glei­chen Präsidium. 1945, nach dem Tode der allseits geehrten Frau Bertha Suter, wurde der Genossenschaftliche Frauenverein Freidorf (GFF) gegründet. Das Präsidium übernahm Frau Mathilde Gallinger. 17 Jahre lang haben sie und ihre Vorstandskollegin­nen in harmonischem Einvernehmen tatkräftig und wohltuend gewirkt und manche ehrwürdige Tradi­tion geschaffen. 1962 verjüngte sich der Vorstand. Frau Margrit Degen übernahm das Präsidium mit meist jüngeren Vorstandskolleginnen.

Der GFF hat zu allen Zeiten segensreiche Arbeit geleistet. Stets konnten wohltätige Institutionen genossenschaftlicher Art, aber auch das Rote Kreuz, die Altershilfe, das Tagesheim Muttenz usw. auf seine tatkräftige Mitarbeit zählen. Immer setzte sofort die Hilfsbereitschaft des GFF ein, ob in einem Einzelfall Hilfe nötig war oder ob für das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen gesammelt werden sollte, 1950 für die La­winengeschädigten, 1952 für die Erdrutschschäden am Wartenberg, 1953 für die Katastrophengeschädig­ten in Holland, England und Belgien usw. Besonders schöne Institutionen des GFF sind die Adventsfeier und der «65er Nachmittag», das Festli für die Pen­sionierten. Der GFF erleichtert auch den neuzugezogenen Frauen den Anschluss und das Heimischwer­den im Freidorf, dank der freundschaftlichen Atmo­sphäre, die sich je und je vom Vorstand auf sämtliche Mitglieder übertrug.

Zum Dorfleben gehören auch im Freidorf die «bösen Buben». Sie verursachten manchmal recht teure Re­paraturen, die von den Vätern (ungern) bezahlt wur­den. Sie hängten auch Gartentürchen aus; aber dabei wurden sie beobachtet, und ein schlaues Mädchen bat anderntags die ahnungslose Mutter des Übel­täters, ihren starken Sohn zu schicken, damit er das Gartentürchen, das ein ganz Böser aufs Geäst bugsiert habe, herunterhole und einpasse!

Das Genossenschaftshaus

Es entstand sozusagen als letzte Gründungsinstitu­tion. Der ursprüngliche Plan wurde Ende 1919 um­gearbeitet auf kleinere Dimensionen, weil die Bau­materialien viel teurer geworden waren. Aber der Preissturz der Jahre 1922/23 verbilligte sie wieder, so dass die Generalversammlung vom 5.März 1922 den ursprünglich vorgesehenen Langbau beschliessen konnte. Durch den Holzarbeiterstreik (Mai bis Sep­tember 1923) kam der Bau ins Stocken. (Im März 1923 ist übrigens ein Kind, das trotz wiederholter Verbote und Absperrungen auf den Bauplatz kam, in einen Kanalisationsschacht gefallen, glücklicherweise ohne sich gross zu verletzen. Wer war das wohl ?)

Die Generalversammlung vom 30. September 1923 wurde im noch unvollendeten Bau abgehalten. Viel­leicht trug die Kälte des Lokals dazu bei, dass die Gartenordnung, wonach alles Investierte in den Be­sitz der Siedlung übergehen soll, so scharfen Protest hervorrief, dass Bernhard Jaeggi feststellte:

«Theorie und Praxis stimmen bei vielen Leuten nicht überein. Je mehr ihre Ansichten nach links neigen, desto kleinbürgerlicher zeigen sie sich in der Praxis. Man spricht von Expropriation des Besitzes, weigert sich aber, selber das geringste zu opfern. Die Menschen sind noch nicht derart, dass jeder von sich aus das Beste tut und von sich aus vermeidet, was der Gesamt­heit schadet und ihr Ansehen gefährdet; deshalb sind Reglemente nötig, die mithelfen, die Ichsucht zu läutern und für den Gemeindienst vorzubereiten.»

In einer Ansprache im kleinen Kreis konnte man sich einigen. Immer wieder erwies sich der kleine Kreis als fruchtbar zur verständnisschaffenden, versöhnenden Aussprache.

Im September 1923 wurde die Kegelbahn mit einem Preiskegeln zugunsten der Weihnachtsfeier eröffnet. Die Weihnachstfeier konnte zwar im geschlossenen und geheizten, aber immer noch unfertigen Saal ab­gehalten werden. Am Silvesterabend liessen es sich die Siedler und Siedlerinnen nicht nehmen, den Über­gang vom alten ins neue Jahr im neuen Gemein­schaftshaus zu feiern.

Zu Weihnachten und Silvester 1923 läuteten die Frei­dorfglocken zum erstenmal. Am 2. Februar 1924 kamen die Glockengiesser, Uhrmacher und Musik­experten zu einer Expertise zusammen. Unser Geläute besteht aus sechs Glocken; sie wurden von der Glockengiesserei H. Rüetschi AG in Aarau geliefert, der ältesten noch existierenden Glockengiesserei des Kontinents. Unser Glockenspiel ertönt nach dem Prinzip des «Westminster-Schlags». Das Glocken­geläute ruft die Siedler zur Generalversammlung und zur Jahresfeier. Ausserdem wird eine Viertelstunde geläutet am ersten Samstag im Juli zum Internatio­nalen Genossenschaftstag, an Weihnachten, zum Sil­vester und zum Jahresbeginn und an den Vorabenden von Ostern und Pfingsten sowie auf Anordnung der Behörden, zum Beispiel am 1. August. Zur 100-Jahr-Feier des Kantons Baselland am 18. Juni 1932 und zur 450. Jährung des Beitritts Basels in die Eidgenossen­schaft 1951 stimmten auch die Freidorfglocken in das Festgeläute im ganzen Kanton ein. Wenn sonst die Freidorfglocken läuten, horcht man in allen Häusern auf; denn man weiss, dass jetzt ein Freidorfbewohner gestorben ist oder ein Sarg aus dem Freidorf hinaus­getragen wird.

Im März 1924 herrschte buntes Fasnachtstreiben im Genossenschaftshaus. Am Sonntagabend vor dem «Morgestraich » ziehen kleine Waggisse, alti Täntli usw. mit Laternlein, angeführt von rassigem Trom­mel- und Pfeifenklang, durchs Dörfli, ’s «Fasnachtszigli».

Am 1. April 1924 zog der Laden ein, nach Ostern 1924 die Schule. Aus dem «Clubhaus» (Haus 28) wurde die Bibliothek ins Lehrerzimmer gezügelt. Die Eröff­nung des Cafe-Restaurants erfolgte am 17. Mai 1924.

Mit der Delegiertenversammlung des VSK (700 Per­sonen!) konnte am 1.Juni 1924 das Genossenschaftshaus eingeweiht werden.

Am 11.April 1924 hielt der Verwaltungsrat seine erste Sitzung im Genossenschaftshaus ab. Er stand vor der Tatsache, dass alles Geld aufgebraucht war; für den Betrieb des Hauses blieb nichts übrig. Das Budget des Architekten für die Betriebskosten war unbarmherzig hoch, und schon wurden Stimmen laut, dass ja niemand ein so grosses Haus gewollt habe. Schliesslich brachte Bernhard Jaeggi die Lösung: Der Laden, die Wirtschaft, die Schule (Gemeinde Muttenz) zahlen je ihren Miet- und Kostenanteil, und der VSK bezahlt für den ersten Stock jährlich 10000 Franken. Der VSK brachte auch grosse Anlässe in den Saal. Mit der Gründung des Genossenschaftlichen Seminars wurden auch die Schulzimmer im ersten Stock und die Wirtschaft belebt. Dadurch musste 1925 die Hälfte des Turnsaals in Zimmer umgebaut werden; der Einbau des Personenlifts erfolgte 1933. Die Einnahmen der Wirtschaft flössen im wesent­lichen aus Besuchen und Anlässen des VSK, seiner Behörden und Vereine.

Aber eben diese Wirtschaft war von Anfang an ein Sorgenkind. Nachdem es mit dem ersten Ehepaar, Martin, nicht klappte, versuchte es Bernhard Jaeggi mit einer Wirtschaftskommission; sie bestand aus Franz Rinderer, Henri Kahn, Ernst Scholer, Frau Anna Frei, Frau Frieda Meyer-Allemann und Frau Myriam Neidhard. Diese Kommission wurde schon nach einem Jahr aufgehoben. Im Oktober 1924 kam das Ehepaar Haevel-Marti, 1927 Fräulein Emilia Philipp. Auf 1. Oktober 1928 übernahm Frau Anna Frei mit ihrer Tochter den Wirtschaftsbetrieb, und von da ab herrschte endlich Ruhe, Sauberkeit und Ordnung im Haus. Leider starb Frau Anna Frei am 1. Juli 1946; das Freidorf hat ihr viel zu verdanken. Zum Glück verfügte das Restaurant seit 1943 in Hans Ineichen über einen guten Koch. Zunächst wurde das Restaurant von Frau Anna Tschudin-Frei weiter­geführt, aber dann setzte wieder ziemlich rascher Wechsel ein: 1946 Fräulein Claire Krebs, 1948 Fräulein Gertrud Gröbli; sie führte den Betrieb gut, zog aber nach viereinhalb Jahren einen Spitalbetrieb vor. Im Dezember 1952 übernahm Fräulein Hanna Luginbühl die Führung; an ihre Freundlichkeit werden sich manche Gäste gerne erinnern.

Im Juni 1956 zog das Seminar aus dem Genossen­schaftshaus in seinen Neubau auf dem «Horner». Otto Zellweger, der bis 1957 die Oberleitung des Restaurants innehatte, wies auf die schwerwiegenden Konsequenzen hin, die durch den Wegzug des Semi­nars für das Restaurant entstehen würden. Die Gast­zimmer wurden freundlicher gestaltet. Die Umge­bung, Vereine und Reisegesellschaften wurden auf unser Cafe-Restaurant aufmerksam gemacht. Ende 1957 sah sich Präsident Willy Kreuter veranlasst, dar­auf hinzuweisen, dass das Genossenschaftshaus so gross gebaut worden war, weil auf die Bedürfnisse des VSK und des Genossenschaftlichen Seminars Bedacht genommen werden musste. Nachdem 1957 Walter Zwahlen Delegierter des VSK wurde und die Oberleitung des Restaurants übernommen hatte, wurden im Frühjahr 1959 Mieten und Kostenanteile für Laden und Restaurant beträchtlich erhöht. Im Dezember 1961 machte der VSK einen ersten Vorstoss, ob das Genossenschaftshaus nicht abgetragen werden sollte; aber das Freidorf lehnte dieses An­sinnen damals ab.

Im Frühjahr 1963 verheiratete sich Fräulein Hanna Luginbühl. Als Wirtin amtete für ein Jahr Fräulein Gisela Anklin. Ihr folgte am 1. April 1964 Frau Renée Immoos. Sie und unser Koch, Hans Ineichen, blieben uns bis zum Schluss treu. Im Jahr 1965 starb Walter Zwahlen im Alter von erst 54 Jahren. Nach ihm über­nahmen der Präsident Hans Maurer und Emil Gisin-Ulrich die Oberleitung des Restaurants. Durch das Aufkommen der Tiefkühltechnik verlor das Restau­rant drei Bezüger für Kantinenessen, was die Ein­nahmen empfindlich reduzierte. Trotz aller Anstren­gungen und einiger Renovationen war das Restaurant nicht wieder rentabel zu gestalten. Infolge des 1962 vollendeten Coop-Zentrums mit Hotelbetrieb in Wangen und zufolge der modernen Lokalitäten im neuen Genossenschaftlichen Seminar verloren wir immer mehr Vereine sowie Gäste und Sitzungen des VSK. Es musste eine Wende kommen.

Gehen wir wieder zurück in die lichteren Jahre des Freidorfs. Es wurde in den ersten Jahren seines Be­stehens viel besucht. Da ging zum Beispiel eine Dame durch unsere Strassen und Wege. Auf dem Platz, wo das Genossenschaftshaus vorgesehen war, schüttelte sie den Kopf: «Nai, i sag -’s isch wirglig nit zfasse, wenn die gar mitte-n-im Derfli ihr Friedhof alege - nai, so ebbis'» Als das Verkaufspersonal in der Baracke sich weigerte, an Sonntagvormittagen Milch auszugeben, geschah dies im Vorplatz des Präsidentenhauses 85. Auf einem Spaziergang durchs Dorf passierten ihrer zwei den Weg, der am Haus 83 vorbeiführt. Einer zeigte auf die Milchkannen im Anbau des Hauses: «Gsehsch, do wohnt der Milchhändler.»

Nachgerade wurde das Freidorf berühmt. 1924 kam die Schweizerische Vereinigung für gemeinnützigen Wohnungsbau. Anlässlich der Mustermesse besuchten uns holländische Redaktoren. Eine Gesellschaft von Pariser Architekten und Kammerabgeordneten machte im Auftrag der Regierung eine Studienreise und besichtigte dabei auch das Freidorf. 1922 kam aus England die führende Vereinigung auf dem Gebiet des Städtebaus und des Siedlungswesens. Die Baugenossenschaft des eidgenössischen Personals in Zürich besuchte das Freidorf und war entzückt von der Blumenpracht in den Gärten (Mai 1924). Ein Lehrer der Hochschule für Volkswirtschaft aus Chicago, der Präsident für Kaffeehäuser in New York, drei Herren aus Ungarn und ein Wiener Architekt, eine Anzahl höherer Sanitätsbeamter aus Belgien, Beamte aus Chile, den USA, Frankreich, Grossbritannien und Polen usw. suchten das Freidorf auf. Auch Erzherzog Eugen («Erzi») besuchte das Freidorf und zeigte es auch seinen Gästen.

Am Universitätstag, 11. November 1929, wurde Bernhard Jaeggi der Ehrendoktortitel verliehen, nicht zuletzt als Gründer des Freidorfs.

In den Jahren von 1934 bis 1960 führte die Kreispostdirektion eine Paketannahmestelle mit Wertzeichenverkauf im Freidorfladen. Ab 1.Mai 1944 wurde die Post nicht mehr von Basel, sondern von Muttenz zugestellt; das Postbureau Muttenz wurde zum Postamt erhoben - sicher wegen der vielschreibenden Freidörfler.

Während der schweren Krisenzeit in den dreissiger Jahren werden die besonnenen Freidörfler ihr sicheres Heim zu verhältnismässig niedrigem Mietzins besonders dankbar geschätzt haben. Aber auch im Freidorf kamen die ersten Anzeichen des damals kaum für möglich gehaltenen Krieges: 1936 wurde in eine Hausmauer ein «Hitlerkreuz» eingemeisselt. Der zivile Luftschutz Muttenz brachte auf dem Dach des Genossenschaftshauses eine Sirene an. Das Freidorf zeichnete 10000 Franken Wehranleihe und gab einen namhaften Betrag an die Schweizerische Nationalspende. Die Luftschutzbehörden von Muttenz verlangten Verdunkelungseinrichtungen, Entrümpelung des Estrichs und Bereithalten von Sand usw.

Am 27. September 1935 passierte der Verwaltung etwas Nettes: Ein 1920 eingezogener Ursiedler verabschiedete sich von der Verwaltung und dankte ihr für die geleistete Arbeit!

Am 17. August 1939 feierte Bernhard Jaeggi seinen 70. Geburtstag. Die einzigartigen Verdienste als Initiant und Gründer, seine unermüdliche aufbauende Mitarbeit wurden von der ganzen Siedlung anerkannt. «Das Freidorf ist in Gestalt und Gehalt sein Werk.» Eine Sammlung für das Kinderheim in Mümliswil ergab 3000 Franken. Präsident Otto Zellweger durfte im Gratulationsschreiben feststellen: «Dank Ihrer hervorragenden Führergabe, die Kraft und Güte vereint, ist Ihnen Ihr Plan in weitgehendem Masse gelungen.»

Anfang September 1939: Kriegsausbruch und Generalmobilmachung! Im Freidorf zogen Truppen ein. Turnhalle, Kegelbahn, Schulzimmer, Lehrerzimmer usw. wurden belegt. Als Soldatenstube diente das Parterre des Hauses 79. Auf den 1. November 1939 mussten wichtige Nahrungsmittel und Brennmaterial rationiert werden. Die Abdichtung der Fenster im Genossenschaftshaus zur Einsparung von Kohlen kostete 800 Franken. Die Ladenöffnungszeiten wurden geändert, die Wirtschaft abends um 10 Uhr geschlossen, die Generalversammlung am Sonntagnachmittag abgehalten, alles um Strom zu sparen. Der grosse Saal wurde ausser Betrieb gesetzt, die Boiler durften nur übers Wochenende benützt werden. Der Volkschor veranstaltete ein Konzert für die Soldaten, und am Genossenschaftstag wurde den Soldaten aus dem Freidorf ein Paket «ins Feld» geschickt. Das Freidorf leistete einen Beitrag an die schweizerische Aktion «Soldatenweihnacht 1939». Die Teuerung nahm zu.

1940: Mehranbau! Die Siedler bebauten 14655 m² Land. Auf der Spielweise wurden Kartoffeln angepflanzt, die dann zu 20 Rappen je Kilogramm an die Siedler verteilt wurden. 1941/42 traten die «braven Buben und Mädchen» (vielleicht waren darunter auch die ehemaligen «bösen») zum Mehranbau an. Auf der Spielwiese (1364 m²) wurden 140 kg Kartoffeln, 15 000 Setzzwiebeln, 6 kg Buschbohnen usw. angepflanzt. Eine Kommission von fünf Mitgliedern und vier Gruppenchefs, ein Samen-, Dünger- und Werkzeugobmann leiteten das Unternehmen. 1943 pflanzten die «älteren Semester» wieder an. 1945 erhielten die Pensionierten im Dorf sowie das Personal des Ladens und der Bauverwaltung Gratiskartoffeln. 1946 herrschte nochmals Mehranbau auf der Spielwiese. Im Oktober 1946 konnte sie planiert und neu angesät werden.

1944 wurde auf dem Dach des Genossenschaftshauses eine grosse Schweizerfahne ausgebreitet zur Verhütung irrtümlicher Fliegerangriffe. Trotz Fliegerangriff auf das VSK-Gebäude im Frühjahr 1945 erfolgte die Fertigstellung unseres Jahresberichtes für 1944 rechtzeitig.

Der schwärzeste Tag des Freidorfs war der 13. April 1944. Um 12.45 Uhr wurde die Verwaltung zusammengerufen, um von Präsident Otto Zellweger zu erfahren, dass Bernhard Jaeggi gestorben sei. Im Protokoll der Verwaltung finden wir folgende Eintragung: «Bernhard Jaeggi ist tot! In tiefer Ergriffenheit nimmt die Verwaltung Kenntnis von dem heute vormittag um die zehnte Stunde unerwartet eingetretenen Hinschied des Gründers unserer Siedelungsgenossenschaft. Dr. Jaeggi ist im Genossenschaftshaus durch eine Herzlähmung mitten aus seiner unermüdlichen und segensreichen Tätigkeit abberufen worden. Was Dr.Jaeggi uns war, empfindet jeder einzelne schmerzbewegt in seinem Innern.» Die Ansprache des Präsidenten Otto Zellweger bei der Abdankung findet sich im Jahresbericht 1944.

Wunsch des Verstorbenen war ein Begräbnis in einfacher, bescheidener Weise mit Abdankung im grossen Saal des Genossenschaftshauses und Beerdigung in Muttenz. Präsident Otto Zellweger bemühte sich im Einverständnis mit Frau Pauline Jaeggi und nach Genehmigung der zuständigen staatlichen Stellen um Bestattung in der Erde des Freidorfs, nämlich im Garten des Jaeggischen Hauses. Am 22.Juni 1944, vormittags 11 Uhr, wurde die Asche des Verstorbenen feierlich beigesetzt. Die Grabplatten von Herrn und Frau Dr.Jaeggi entwarf Architekt Walther Faucherre; die Bronzebilder stammen aus der Künstlerhand von Bildhauer Carl Gutknecht; die Gedenkschriften verfasste Dr. Henry Faucherre. Bei der Einweihung der Grabplatte von Bernhard Jaeggi sagte Präsident Otto Zellweger: «Was das Freidorf Dr.Jaeggi zu verdanken hat, lässt sich in einem einzigen Wort ausdrücken: alles!» Nicht nur in der Verwaltung, sondern wohl in jedem Freidorfhaus war man sich der schweren Verantwortung bewusst, das hinterlassene Erbe im Sinn und Geist seines Schöpfers zu verwalten. Wenn auch heute keine Gedenkstunden mehr abgehalten werden, so bleibt Bernhard Jaeggi bei allen, die ihn gekannt haben, unvergessen, sein Andenken unverblasst.

Damit waren nun alle die Männer, die das Freidorf gründeten und gründen halfen, nicht mehr da. Schon am 2.Juni 1923 starb Dr. Rudolf Kündig. Das Freidorf verlor in ihm seinen grossen Förderer; er leistete beim Aufbau und bei der Ordnung der rechtlichen Fragen wertvolle Arbeit. Zu seinen Ehren wurden aus allen Gärten des Freidorfs Blumen zusammengetragen und zu einem Kranz gewunden. Die Siedler wollten damit ihre Verbundenheit und ihren Dank zum Ausdruck bringen.Im Herbst 1929 verunglückte in den Urner Bergen Dr. Eberhard Vischer, ein guter Freund des Freidorfs, der ihm als Jurist und als Sekretär gute Dienste geleistet hatte. Am 30.Januar 1932 verlor das Freidorf seinen ersten Präsidenten, Johann Frei. Er hatte sich mit Leib und Seele für das Freidorf eingesetzt, hatte mit Bernhard Jaeggi alle Freidorfsorgen getreulich getragen und ihn mit seiner ganzen Kraft unterstützt. Noch vom Krankenlager aus, kurz vor seinem Tode, richtete er an die Siedlerschaft eine Neujahrsbotschaft, in der es heisst: «Es ist für die Freidorfsache viel gewonnen, wenn man sie in ihrer Siedlerschaft als das erkennt, was sie sein soll: das hoch über allem Persönlichen Stehende.» Am 21. März 1954 verlor das Freidorf seinen geistigen Urheber: Dr. Karl Munding, dem die Idee des Freidorfs besonders teuer war.

Präsident Otto Zellweger übernahm nach dem Tod Bernhard Jaeggis das Amt des Delegierten von VSK und Stiftung, wie er auch nach dem Tode von Johann Frei das Präsidium übernommen hatte. Noch hatte Bernhard Jaeggi mitgeholfen, das Fest des 25 jährigen Bestehens des Freidorfs vorzubereiten; aber nun musste die Feier am 17. August, seinem Geburtstag, ohne ihn durchgeführt werden. Dr. Henry Faucherre hatte die Festschrift «25 Jahre Siedelungsgenossenschaft Freidorf» verfasst, die jedem neuen Siedler ausgehändigt wird.

Die eigentliche Arbeit für die Aufrechterhaltung der Grundsätze, für die materielle und ideelle Erhaltung des Freidorfs wird in den Kommissionen und vor allem in der Verwaltung geleistet. Davon im Kapitel «Die ehrenamtlichen Schwerarbeiter» (Seite 37).

Zu erwähnen erlaubt sei nur noch, dass bis jetzt 18 Ehepaare die Goldene Hochzeit feiern konnten; die ersten waren im Jahre 1950 die Ehepaare Gall-Weiss und Spengler-Brauchli. Dem Ehepaar Rüegg-Sutter war es sogar vergönnt, 1967 die bis jetzt einzige Diamantene Hochzeit im Freidorf feiern zu können.