====== Die innere Organisation ====== ===== Stiftungsvertrag ===== Am 1. bzw. 4. November 1921 wurde der Stiftungsvertrag zwischen dem VSK und der Siedelungsgenossenschaft Freidorf abgeschlossen. Der VSK behielt sich das Recht vor, bei Hauswechsel zu entscheiden, wer als Mitglied aufgenommen werden soll. ===== Vertrag mit der Einwohnergemeinde Muttenz ===== Die Verträge mit der Gemeinde Muttenz betreffend Schule, Strassen und Wege im Freidorf, Beleuchtung, Kehrichtabfuhr sowie betreffs der Steuern traten am 1. Januar 1922 in Kraft. ===== Stiftungsurkunde der Stiftung zur Förderung von Siedelungsgenossenschaften ===== Diese Urkunde wurde am 3. Mai 1923 erstellt. Alle diese Verträge und Urkunden sowie die Statuten des Freidorfs und der Mietvertrag sind im Buch «25 Jahre Siedelungsgenossenschaft Freidorf» enthalten. ===== Die sieben Kommissionen ===== Das Rückgrat der inneren Organisation bilden die sieben Kommissionen, die bereits am 6.Juli 1920 ins Leben gerufen wurden und über die wir im Kapitel «Die ehrenamtlichen Schwerarbeiter» (Seite 43) berichten. Der Laden spielt dort im Zusammenhang mit der Betriebskommission eine bedeutende Rolle. Als Bindeglied zwischen Verwaltung und Siedlerschaft diente die Lokalseite im «Genossenschaftlichen Volksblatt», «Wochenblättli» genannt. ===== Die Schule ===== Mit Lehrer Heinrich Beglinger und 18 Schülern fand am 22. November 1920 die Eröffnung der Freidorfschule statt. Am 1.Januar 1921 zählte unsere Einheitsschule 39 Kinder, und am 31. Dezember waren es 56. Im Herbst 1921 hatte Lehrer Beglinger sieben Klassenstufen. Lehrer und Erziehungskommission halfen einander, in der Freidorfschule - neben dem durch Gesetz bestimmten Schulungsprogramm - auch erzieherisch zu wirken, und zwar in Pestalozzischem Sinn. Von Lehrer Beglingers hingebungsvoller Arbeit profitierten die Freidorfkinder bis Ostern 1930. Wie dankbar ihm seine Schüler blieben, zeigte das 1964 im Freidorfsaal arrangierte «Beglinger-Fescht». An seine Stelle trat der junge Freidörfler Fritz Spaeti. Bis 1955 unterrichtete er die Oberstufe. Nach Erstellung des Schulhauses Hinterzweien verlangte die Gemeinde - entgegen dem bestehenden Vertrag -, dass die oberen Klassen mit Lehrer Spaeti in Muttenz eingegliedert wurden; nur die Erste und Zweite Klasse mit Fräulein Eva Tschopp konnten im Freidorf bleiben. Fritz Spaeti betreute aber nicht nur die Schule, er stellte auch seine dichterische und musikalische Begabung sowie seine Begeisterungsfähigkeit dem Freidorf und dem Genossenschaftlichen Seminar zur Verfügung und bereicherte damit manchen Anlass. Leider starb er schon am 25. April 1947. 1939 mussten wegen der Einquartierung im Freidorf auch die Kleinen mit Fräulein Tschopp nach Muttenz zur Schule gehen und blieben dort, bis die Bevölkerungszunahme der Gemeinde Muttenz die Wiedereröffnung der Freidorfschule notwendig machte. 1948 kamen die Erste und Zweite Klasse wieder ins Freidorf zurück; als Lehrer konnte Paul Freivogel von Wenslingen gewonnen werden, da Fräulein Tschopp zurücktrat. Feierlich und mit grosser Freude, vor allem seitens der Eltern, wurde die Freidorfschule wieder eröffnet. Im Frühjahr 1950 kamen auch die Dritte und Vierte Klasse wieder ins Freidorf zurück und wurden von Lehrer Freivogel übernommen; die Erste und Zweite Klasse erhielten als Lehrerin Fräulein Nora Leupin. Der 22. November, als Eröffnungstag der Freidorfschule, wurde von Herrn und Frau Dr. Jaeggi immer zur Freude der Kinder gefeiert; sie erhielten einen frischen, grossen Weggen mit Schokolade und genossen eine Filmvorführung oder einen Betriebsbesuch in Pratteln usw. Diese Tradition hielt Bernhard Jaeggi auch in den Jahren ohne Freidorfschule aufrecht. Erst mit seinem Tod im Jahre 1944 hörte dieser Tag auf, ein Kinderfesttag zu sein. ===== Kleinkinderschule ===== In den ersten Jahren wurden die Kinder einmal wöchentlich von den Frauen Louise Rockenbach und Margarete Rinderer (und die Allerkleinsten vom Präsidententöchterchen Anneli Frei) betreut, damit die Mütter Kommissionen machen und ungestört arbeiten konnten. Aber am 1. März 1929 kam es zur Eröffnung der Kleinkinderschule mit Frau Gertrud Moosbrugger, «Tante Trudy», als idealer Lehrerin. Finanziert wurde diese Schule durch die Beiträge der Eltern, durch eine Subvention aus dem Fonds der Spar- und Hilfskasse und einem Beitrag der Gemeinde Muttenz. Während des Sommers waren die Kinder in der Turnhalle untergebracht, im Winter im danebenliegenden gut geheizten Ankleideraum. Als die Baubaracke frei wurde, dislozierte die muntere Gesellschaft dorthin, bis sie schliesslich 1935, nach dem Wegzug der Oberklasse nach Muttenz, in einem richtigen Schullokal im Genossenschaftshaus untergebracht werden konnte. Mit Kriegsbeginn, das heisst mit der Einquartierung, hörte auch die Kleinkinderschule im Freidorf auf. ===== Spar- und Hilfskasse ===== Mittlerweile erfolgte die Gründung der von Dr. Karl Munding beantragten «Batzensparkasse»; sie wurde so benannt, weil pro Tag zehn Rappen zu sparen sind. Ab 1.Januar 1921 wurden diese Batzen wöchentlich, heute werden sie monatlich von Schulkindern eingesammelt. Die Zinsen werden den Mitgliedern erst nach dem erreichten vollen Hunderter gutgeschrieben; die Zinsen für die angebrochenen Hunderter werden dem Hilfsfonds (heute Wohlfahrtsfonds) überwiesen, dem auch die Erträge der Versicherungsagenturen und gelegentliche Zuschüsse von Gönnern zufliessen. Aus diesem Fonds konnte 1929 erstmals ein Feriengast für eine Gratisferienwoche nach Weggis geschickt werden (drei weitere auf Kosten des VSK und des Pro-Juventute-Fonds). Wie war man gespannt, wer wohl die Glücklichen seien! 1936 wurde das Reglement revidiert: die Hilfskasse wird zur Wohlfahrtskasse, der Hilfsfonds zum Wohlfahrtsfonds. Ab 1938 konnten auch ein bis zwei Siedler aus der Schar derer, die 15 und mehr Jahre still und treu für das Freidorf gearbeitet hatten, für eine Gratisferienwoche in Weggis oder Jongny berücksichtigt werden. 1946 war der Fonds mit Zins und Zinseszins so angewachsen, dass vier (heute sechs) Mitgliedern je eine Woche Gratisferien zugesprochen werden konnte. Auch die 1938 geschaffene Geburtenspende wurde und wird aus diesem Fonds ausgerichtet. Die Familien Hobi-Meile und Geyer-Loeliger waren die ersten Beschenkten. Auf Initiative von Präsident Otto Zellweger wurde 1938 die Ausrichtung einer Vergütung für zusätzliche Hauspflege eingeführt, das heisst kranke und genesende Hausmütter, deren Anspruch auf unentgeltliche Hilfe durch den Hauspflegeverein Muttenz erschöpft ist, erhalten aus dem Fonds einen Beitrag an die notfalls weitere Hilfe des Hauspflegevereins Muttenz. Am 11. Dezember 1968 wies die «Batzensparkasse» folgende Bestände auf: Guthaben der Mitglieder Fr. 232 500.30, Wohlfahrtsfonds Fr. 43 299.65. ===== Kollektivversicherungen ===== Die Kollektivversicherung I wurde anlässlich der 10. Generalversammlung, 6. März 1921, im «Rössli» in Muttenz beschlossen. Ernst Lienhardt, der damalige Chef der Volksfürsorge (ab 1942 Coop Lebensversicherungs-Genossenschaft) und Vorsitzender der Finanzkommission, arbeitete zusammen mit Bernhard Jaeggi die Bestimmungen aus, die ebenfalls in «25 Jahre Siedelungsgenossenschaft Freidorf» niedergelegt sind. Danach werden jedem Siedler im Todesfall oder nach Ablauf von 25 Jahren 500 Franken ausbezahlt. Für Mitglieder, welche beim Beginn ihrer Versicherung das 45. Altersjahr schon überschritten haben, läuft die Versicherungsdauer mit dem Tag ab, an welchem das betreffende Mitglied das 70. Altersjahr vollendet. 1946 wurden 50 Versicherungen fällig und den Anspruchsberechtigten ausbezahlt. Gleichzeitig wurde am 27. Februar 1946 die Fortsetzungsversicherung beschlossen, das heisst eine neue Sterbegeldversicherung von dem Tage an, an welchem die erste Versicherung abläuft. Die Auszahlung der Versicherungssumme erfolgt beim Tode des versicherten Mitgliedes, spätestens aber bei Erreichen des 85. Altersjahres. Die Prämien dieser Fortsetzungsversicherung sind bis zum Tode, längstens aber bis zum 85. Altersjahr zu entrichten. Bis zur Aufgabe des Ladens wurden die Prämien von der Rückvergütung abgezogen; seither werden die Prämien jeweils im März von den Mitgliedern an die Siedelungsgenossenschaft Freidorf bezahlt und von dort an die Coop Leben weitergeleitet. Die Kollektivversicherung II konnte auf den 1. April 1933 in Kraft gesetzt werden. Dies war möglich aufgrund guter Betriebsergebnisse des Ladens dank der beträchtlichen ehrenamtlichen Arbeit. Versichert sind der Siedler oder Mieter und der andere Ehegatte. 1 % des Warenbezugs des einzelnen Mitgliedes wurde zurückgelegt für eine Versicherung auf Todesfall oder für Auszahlung spätestens bei Erreichen des 70. Altersjahres. Nach dem 70. Altersjahr wurde das Mitglied nicht mehr auf Todesfall versichert, sondern die Prämien wurden angesammelt als Sparversicherung und alle fünf Jahre oder im Todesfall ausbezahlt. Mit der Aufgabe des Ladens wurde diese Versicherung nicht weiter geäufnet; die dannzumal bestehenden Beträge werden ausbezahlt entweder beim Tode eines Ehegatten oder bei Erreichen des 70. Altersjahres. Auch die Bestimmungen dieser Kollektivversicherung II sind in «25 Jahre Siedelungsgenossenschaft Freidorf» enthalten. Im Jahre 1936 konnten der Witwe eines tödlich verunfallten Siedlers aus den Kollektivversicherungen I und II bereits 720 Franken ausbezahlt werden, in der damaligen Zeit eine grosse Wohltat in einem solchen Moment. Im Jahre 1943 konnten aus den Kollektivversicherungen schon Beträge von über 15 00 Franken ausgerichtet werden. Mit der Schweizerischen Mobiliarversicherungsgesellschaft wurde ein Agenturvertrag abgeschlossen; Gustav Heimers war der erste ehrenamtliche Agent. Der Agentenertrag wurde von Anfang an dem Hilfskassenfonds (Wohlfahrtsfonds) zugewiesen. Heute wenden sich die Siedler für Mobiliarversicherung an Heinrich Hochuli, Haus 121, und für Beratungen in Lebensversicherungsfragen an Fritz Mühlemann, Haus 115. Bernhard Jaeggi hielt - damals mit Recht - Festlichkeiten für ein probates Mittel, das Zusammengehörigkeitsgefühl unter der Siedlerschaft zu stärken. Deshalb setzte er einige solche Akzente ins Siedlerjahr. Am 26. Dezember 1920 wurde die erste Weihnachtsfeier im «Rössli» in Muttenz abgehalten. Der Saal war «bummsvoll», und das Programm enthielt sogar einen festlichen Prolog des Präsidenten Johann Frei. Zu der Sammlung der Siedler für dieses Fest hatten auch die Bauunternehmer am Genossenschaftshaus beigesteuert, und der Verkauf einer von Hannes Meyer entworfenen Karte lieferte einen Reinerlös von 575 Franken. Der Christbaum wurde von der Gemeinde Muttenz gestiftet, und das blieb Tradition bis 1940 und dann wieder nach den Kriegsjahren bis 1960. Der Überschuss dieser ersten Weihnachtsfeier bildete die Basis für den Weihnachtsfonds (einem der etlichen «Kässeli»). Diese Weihnachtsfeiern gaben den Lehrern Jahr für Jahr viel zu schaffen; aber die Kinder haben dabei erzieherisch sicher viel profitiert, und die Aufführungen waren für gross und klein stets eine innige Freude. In der Generalversammlung vom 2. Oktober 1921 (auf der Spielwiese) wurde beschlossen, den Tag der Einweihung des Gedenksteins, den 24. August, als Ehrentag des Freidorfs jedes Jahr zu feiern; das ist unsere Jahresfeier. Der Internationale Genossenschaftstag, der erste Samstag im Juli, wurde auch im Freidorf gefeiert. Als der VSK Feiern für die Angestellten veranstaltete, wurde an diesem Tag lediglich ein Kinderfest am Nachmittag durchgeführt, das ab 1966 wegen der Schulferien auf den 24. August verschoben wurde. Sehr zur Verschönerung aller Anlässe der Siedlung seit ihrem Bestehen haben das Orchester und der Volkschor beigetragen, und ihre Jahresfeiern und Konzerte gehörten (einschliesslich Maskenball) zu den beliebten Treffpunkten der Siedler. Leider musste das Orchester am 23. März 1966 aufgelöst werden mangels Nachwuchs (und weil die Mitglieder der­massen zu Amt und Würden gelangt waren, dass sie die Zeit zum Üben nicht mehr aufbrachten). ===== Bibliothek ===== Auf besondere Art ist die Bibliothek des Freidorfs entstanden. Es war damals Sitte, dass die Unternehmer dem Architekten und seinen engsten Mitarbeitern zu Neujahr Zigarren und Spirituosen spendeten. Architekt Hannes Meyer schlug den Unternehmern vor, ihm statt dessen einen Barbetrag zukommen zu lassen, der als Basis für die Errichtung einer Bibliothek dienen würde. Für diesen Zweck spendeten die Unternehmer damals, 1920/21, über 2000 Franken! Um den Überblick über die Struktur der Siedlerschaft zu bewahren, wurde in der Verwaltungsratssitzung vom 4. November 1921 Ulrich Meyer mit der Füh­rung des Einwohnerregisters beauftragt; seit 1955 wird es von Georg Tschudin geführt. Nachfolgend ein Beispiel der Verwertung solcher Eintragungen: | ^ November 1921 |^ 1. Januar 1940 ^^ 1. Januar 1960 ^^ 1. Januar 1969 ^^ ^ Alter | männlich | weiblich | männlich | weiblich | männlich | weiblich | männlich | weiblich | ^ bis 6 Jahre | 35 | 41 | 10 | 7 | 26 | 11 | 18 | 17 | ^ 7-14 Jahre | 41 | 44 | 17 | 22 | 23 | 21 | 45 | 35 | ^ 15-20 Jahre | 27 | 33 | 26 | 36 | 22 | 18 | 24 | 18 | ^ 21-40 Jahre | 111 | 121 | 61 | 76 | 41 | 46 | 46 | 49 | ^ 41-60 Jahre | 64 | 60 | 87 | 99 | 40 | 61 | 56 | 55 | ^ 61-70 Jahre | |||| 35 | 41 | 20 | 31 | ^ 71-80 Jahre | 7 | 16 | 35 | 30 | 24 | 28 | 22 | 27 | ^ über 80 Jahre | |||| 6 | 2 | 7 | 7 | ^ | 285 | 315 | 236 | 270 | 217 | 228 | 238 | 239 | ^ Total | 600 || 506 || 445 || 477 || In prozentualer Berechnung ergeben sich die folgenden Zahlen: ^ Alter ^ November 1921 ^ Januar 1940 ^ Januar 1960 ^ Januar 1969 ^ ^ bis 14 Jahre | 26.84% | 11.07% | 18.20% | 24.11% | ^ 15-20 Jahre | 10.00% | 12.26% | 8.99% | 8.80% | ^ 21-40 Jahre | 38.66% | 27.07% | 19.55% | 19.92% | ^ 41-60 Jahre | 20.67% | 36.76% | 22.70% | 23.27% | ^ über 60 Jahre | 3.83% | 12.84% | 30.56% | 23.90% | Das Durchschnittsalter der Freidorfbevölkerung betrug 1960 42 Jahre; heute ist es 38½ Jahre. Todesfälle seit Bestehen der Siedlung: 230; Geburten seit Bestehen der Siedlung: 188. Und schliesslich begann 1923 Hermann Thurow die Freidorfchronik, die nach seinem Tode im April 1934 ebenfalls Ulrich Meyer in die Hände gelegt wurde; nach dessen Tod wurde sie Lehrer Paul Freivogel an­vertraut, später dem ehemaligen Präsidenten Willy Kreuter.