====== Leben und Sterben in der Siedlung ====== {{ oeffentlich:25jahre:leben_und_sterben.pdf |}} von Ulrich Meyer Bei Anlass der Neuausgabe der vorliegenden Schrift mag es am Platze sein, auch einige Angaben über die Be- völkerungsbewegung in unserer Siedelung festzuhalten — sei es auch nur, um allfälligen späteren Studien über die Wandlungen in der Einwohnerschaft einer geschlossenen Siedelung etwas vorzuarbeiten. Die Erstellung und Führung eines Einwohnerregisters wurde in den Sitzungen der Siedelungsbehörden vom 23. September und 4. November 1921 besprochen und be- schlossen. Im Wochenblatt der Siedelungsgenossenschaft vom 18. November 1921 erfolgte eine einlässliche Begrün- dung dieses Beschlusses mit der Mitteilung, dass auf den in den Häusern ausgeteilten Zählkarten der Bestand der Bewohner in der Nacht vom 26. auf den 27. November 1921 einzutragen sei. Die Auszählung der Karten ergab auf das Ende des Jahres 1921 einen Bestand von 598 Einwohnern, wovon 285 männliche, 313 weibliche. Wir hatten 138 verheiratete Paare, ferner 141 männliche und 156 weibliche Ledige, 6 Witwer, 18 Witwen und 1 geschiedene Person. Die ent- sprechenden Zahlen für den Beginn des Jahres 1943 lauten: Total Einwohner 495, davon 132 männliche und 133 weib- liche Verheiratete, 86 männliche und 119 weibliche Ledige, 7 Witwer und 18 Witwen. Die eingetretenen Verschiebungen im Altersaufbau der Einwohnerschaft ergeben sich aus folgender Zusam- menstellung: 131 |Einwohner im Alter von: | Ende 1921 || Anfang 1943 || |::: | M.| W.| M.| W.| |bis und mit 6 Jahren | 35| 41| 14| 14| |7 bis und mit 14 Jahren | 41| 44| 11| 16| |15 bis und mit 20 Jahren | 27| 33| 20| 33| |21 bis und mit 40 Jahren | 111| 121| 58| 71| |41 bis und mit 50 Jahren | 42| 41| 40| 48| |51 bis und mit 60 Jahren | 22| 19| 43| 49| |61 bis und mit 70 Jahren | 6| 13| 33| 31| |über 70 Jahren | 1| 1| 8| 6| | | 598 || 495 || Wir hatten also im Jahre 1921 76 Kinder im Vor- schulalter und 85 Schulpflichtige; anfangs 1943 waren es 28 im Vorschulalter und 27 im schulpflichtigen Alter. Wir hatten in den 21 Jahren seit Bestehen des Ein- wohnerregisters 99 Geburten. Davon entfallen 68 auf das erste Jahrzehnt, 25 auf die folgenden 10 Jahre und 6 auf das 21. Jahr (1942). Todesfälle hatten wir 84. Verhältnismässig gross mag der Wechsel in der Mit- gliedschaft erscheinen. Von den 149 Gründungsfamilien des Freidorfes sind heute noch 95 hier, 54 verlegten nach kürzerer oder längerer Anwesenheit ihren Wohnsitz. Von den später Zugezogenen blieben auch nicht alle hier, so dass wir insgesamt 64 Auszüge feststellen müssen. Wenn wir schliesslich noch einen Blick werfen auf die konfessionelle Zugehörigkeit der Bewohner, so ergibt sich folgendes Bild: | Protestanten: || Katholiken: || Konfessionslos: || | M.| W.| M.| W.| M.| W.| | 144| 181| 63| 71| 17| 19| | 325 || 134 || 36 || Im Leben der Siedelung als Ganzem spiegelt sich das Werden und Vergehen der einzelnen Familien — ganz 132 natürlicherweise, ist doch die Genossenschaft einfach die Summe der Mitgliederfamilien. Und wiederum spiegelt sich im Leben der menschlichen Gesellschaft das Ge- schehen in der Natur. Es gibt bei beiden fruchtbare und weniger ertragreiche Jahrgänge, gesunde und kranke Indi- viduen. Es wechselt Wachstum mit Stillstand und Ab- sterben, aber als Ganzes erhält sich die Gesellschaft der Pflanzen, der Tiere und der Menschen. Die aufwachsende Generation verlässt das elterliche Heim und baut sich ein eigenes anderwärts. Die Alten behaupten einstweilen noch das Feld — aber einmal kommt der Tag, wo auch der Zäheste das Feld räumen muss, und dann zieht eben eine neue Familie in das verlassene Heim, in der Vollkraft der Jahre vielleicht, die ein Wachstum erlaubt, möglicherweise aber auch ältere Personen, die sich wieder eine Weile be- haupten, um wieder andern Platz zu machen. Die gleich- bleibende Familienzahl der Siedelung schliesst grosse Schwankungen in der Zukunft aus, die Genossenschaft als solche wird sich aber auch bei kleinerer Zahl der Fami- lienglieder behaupten. Weinen wir also nicht über die stattgefundene Abnahme der Bevölkerung, aber sorgen wir dafür, dass die Nachkommenden die Mängel der Heu- tigen nicht übernehmen, ihre Tugenden aber mehren. 133